Willkommen auf den Seiten des Auswärtigen Amts

Kultur und Bildung, Medien

16.10.2018 - Artikel

Stand: September 2018

Kultur zwischen Tradition und Moderne

Die Kulturgeschichte der auf dem Gebiet von Nigeria lebenden Völker lässt sich über 2000 Jahre zurückverfolgen. Das traditionelle Erbe lebt vor allem in den ländlichen Regionen in zahlreichen Festen, mündlich überlieferter Literatur, in Tänzen und in der Musik der verschiedenen ethnischen Gruppen fort. Seit einigen Jahren besinnt man sich von staatlicher Seite verstärkt auf diese traditionellen Kulturformen und fördert deren Erhalt und Entfaltung. 

Parallel hat sich in den Städten und an den Universitäten eine lebendige, moderne Kulturszene entwickelt, die in der Musik, der darstellenden Kunst und Literatur im Vergleich zu den anderen afrikanischen Staaten hervorragt. Der inzwischen verstorbene Autor Chinua Achebe schuf mit dem Roman „Things Fall Apart“ vor 50 Jahren den internationalen Klassiker über den Zerfall der traditionellen Werte und den Wandel der afrikanischen Gesellschaft unter dem Einfluss der modernen Welt. Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka, der Maler Ben Enwonwu und der verstorbene Afrobeatmusiker Fela Kuti finden weltweit Anerkennung. Die literarische Bearbeitung des Biafra-Krieges „Half of a Yellow Sun“ der  Autorin Chimamanda Ngozi Adichie fand auch in Deutschland große Beachtung - ihr jüngster Roman „Americanah“ wurde ebenfalls ins Deutsche übersetzt. Gemeinsam mit Teju Cole bildet sie derzeit das wohl einflussreichste nigerianisch-amerikanische Autorenduo. 2012 erschien der Roman „Öl auf Wasser“ des über Nigeria hinaus bekannten Schriftstellers Helon Habila. Im Januar 2013 wurde Habila für diesen Roman mit dem Deutschen Krimipreis International ausgezeichnet – sein 2016 erschienenes Buch „The Chibok Girls“ fand sowohl in Nigeria als auch international großen Anklang. 

Zahlreiche Nachwuchskünstler bereichern die Szene; einige der jungen Stars der Musikszene wie z.B. Wizkid, Davido oder Olumide genießen inzwischen internationalen Ruhm. Viele profilierte nigerianische Künstler (Soyinka, Habila u.a.) leben oder lebten zumindest zeitweise im Ausland (besonders USA und Großbritannien), aber auch Deutschland gewinnt als temporärer Lebens- und Arbeitsort für junge nigerianische Künstler an Bedeutung. Emeka Ogboh lebt und arbeitet in Berlin, er ist einer der vielversprechendsten jungen Künstler Nigerias. Er arbeitet insbesondere mit digitalen auditiven Medien und versucht mit diesen, Städte als kosmopolitische Räume mit einzigartigem Charakter zu begreifen. Er ist mit seinen beeindruckenden Sound-Arbeiten an internationalen Ausstellungen beteiligt. Emeka Ogboh ist außerdem Preisträger des vom Auswärtigen Amt ausgeschriebenen Kunstwettbewerbes für das Gebäude für Frieden und Sicherheit der Afrikanischen Union in Addis Abeba, Äthiopien, 2015. 

Eine weit über Afrika hinaus bekannte Hausmarke ist inzwischen auch die Filmindustrie Nigerias. „Nollywood“ (geprägt nach dem Begriff für die indische Filmindustrie „Bollywood“) produziert rund 1200 Filme pro Jahr und erreicht ein Millionenpublikum. Vor allem Digitalisierung und neue Vertriebskanäle (v.a. Streaming-Plattformen) eröffnen zahlreiche Chancen für eine weitere Ausbreitung von Nollywood-Filmen. International ist das nigerianische Kino ohnehin längst angekommen: Nollywood erfreut sich auf dem ganzen afrikanischen Kontinent und in den nigerianischen Diaspora-Gemeinden größter Beliebtheit. 

Kulturelles Zentrum des Landes ist weiterhin die Wirtschaftsmetropole und frühere Hauptstadt Lagos. Die südliche Region Nigerias ist deutlich stärker von westlicher bzw. internationaler Kultur geprägt als die nördlichen, traditionell muslimischen Landesteile. In der Hauptstadt Abuja, bisher eher Regierungs- und Verwaltungsstadt, entwickelt sich das kulturelle Leben immer mehr. Junge engagierte Künstler aus allen Sparten nutzen das riesige Interesse an moderner Kunst für ihre Projekte, oft in Zusammenarbeit mit internationalen Kulturmittlern. Im Bereich der gesamten Kultur gibt es kaum staatliche Förderung, sodass Theateraufführungen, Ausstellungen, Lesungen, Vorträge und Konzerte in aller Regel der Privatinitiative bedürfen und oft auf finanzielle Förderung privater Sponsoren bzw. ausländischer Institutionen angewiesen sind.

Ein vernachlässigtes Bildungssystem

Das bestehende Bildungssystem Nigerias wurde von den Briten während der Kolonialzeit eingeführt und ist immer noch am britischen Schulsystem orientiert. Bildung, möglichst ein Hochschulabschluss, wird auch weiterhin als Voraussetzung für einen erfolgreichen Einstieg in den Beruf gesehen; die Realität bestätigt dies allerdings nicht mehr, viele Universitäts-Absolventen finden keine Arbeit.

Trotz zahlreicher Universitäten, Schulen und anderer Einrichtungen bestehen weiterhin große Defizite im Bildungswesen. Mitverantwortlich dafür sind mangelhafte Investitionen in diesem Sektor, inkl. Lehrerausbildung Nur an wenigen öffentlichen Schulen wird angemessener Unterricht erteilt, die Mehrzahl befindet sich in einem schlechten Ausstattungszustand, Lehrer sind schlecht ausgebildet, z.T. sogar Analphabeten . Präsident Buhari rief 2017 den Bildungsnotstand aus – v.a. an den Universitäten ist die Lage zum Teil prekär.

Immer noch besucht ein großer Teil der Kinder im Schulalter keine Schule, und selbst der Abschluss einer öffentlichen Schule garantiert nicht den Erwerb von Grundfertigkeiten wie Schreiben und Lesen. Die Analphabetenquote beträgt bei Männern 30 Prozent, bei Frauen sogar rund 50 Prozent. Neben staatlichen Universitäten gibt es zahlreiche private Bildungseinrichtungen, die inzwischen sehr gefragt sind. Wohlhabende Nigerianer schicken ihre Kinder häufig zur Ausbildung ins Ausland. Die erheblichen Mängel im Bildungssystem sind ein wesentliches Hindernis für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes. 

Fremdsprachenunterricht spielt höchstens in den Privatschulen eine Rolle. Für die meisten Kinder, vor allem auf dem Land, ist nach der lokalen Sprache (z.B. Yoruba, Haussa oder Igbo) bereits die Amtssprache Englisch die erste Fremdsprache. Deutsch wird an  nigerianischen Schulen in der Regel nicht  unterrichtet. Ausnahmen sind eine Schule in der Nähe von Abuja, sowie zwei PASCH-Schulen im Südwesten Nigerias. Der vom Goethe-Institut in Lagos angebotene, umfangreiche  DaF-Sprachunterricht – vor allem Intensivkurse von A1 bis B2 - stoßen auf hohe Nachfrage.  Darüber hinaus haben sich  private Sprachenschulen mit Kursen für Deutsch als Fremdsprache etabliert,, vor allem in Abuja, Port Harcourt und Lagos. An drei Universitäten (Ibadan, Ile-Ife und Nsukka) kann der Bachelor of Arts in Germanistik erworben werden. In Ibadan und künftig auch in Lagos sind DAAD-Lektorate eingerichtet.. Die Bundesregierung unterstützt nigerianische andere westafrikanische Universitäten in den Bereichen der Hochschulkooperation und des Forschungsaustausches. Derzeit bestehen allerdings nur 14 offizielle Kooperationen zwischen deutschen und nigerianischen Hochschulen.2017/18 studieren mehr als 1600 Nigerianer in Deutschland; es gibt über 200 Alumni der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Nigeria.

Medien

Die nigerianische Medienlandschaft ist vielfältig und äußerst aktiv – die journalistische Qualität schwankt aber enorm. Zahlreiche private Zeitungen und zunehmend auch private Radioanstalten und Fernsehsender tragen wesentlich dazu bei, dass alle politischen Fragen des Landes offen und kritisch diskutiert werden können. Das Radio ist das wichtigste Medium in Nigeria, da es auch in den ländlichen Regionen empfangen werden kann. Seit einigen Jahren revolutionieren Online-Medien den klassischen Printmarkt: entkoppelt von Druck-, Werbe- und Verteilungskosten, entwickeln sich reine Online-Formate immer rasanter zu echten Alternativen, für die junge Generation ohnehin.

Qualität und Wirkungskreis von Presse und Medien werden allerdings durch schwierige Rahmenbedingungen beeinträchtigt. Es findet keine aktive staatliche Zensur statt, ökonomische Rahmenbedingungen und politischer Druck führen aber dennoch ab und an zu Selbstzensur. Immer wieder kommt es auch zu Verhaftungen und Einschüchterungen gegenüber Journalisten. Bedenklich sind in letzter Zeit Verhaftungen von Bloggern wegen sicherheitsgefährdender Äußerungen unter Anwendung des Cyber-Security-Acts: die kritische Wächterrolle der nigerianischen Medien muss also auch weiterhin gestärkt und unterstützt werden. Zeitungen unterscheiden sich weniger nach politischer oder ideologischer Ausrichtung, denn nach regionaler Schwerpunktsetzung.

Es besteht weiterhin großes Interesse unter öffentlichen und privaten Rundfunkanstalten an einer Kooperation mit der Deutschen Welle (DW). Insbesondere das Fortbildungsangebot der DW wird sehr geschätzt. Alljährlich werden nigerianische Journalisten zu Hospitanzen an die DW vermittelt. Das Haussa-Radioprogramm der DW überträgt auch die Fußball-Bundesliga. 2017 fand ein von der Deutsche Welle-Akademie organisierter Mediendialog in Lagos statt, bei dem junge deutsche und nigerianische Journalisten zum Thema Digitalisierung, Start-Up-Kultur und neue Medien diskutierten und sich austauschten.

Hinweis:
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 

Weitere Informationen

nach oben